Kraftvoll, filigran, aufregend: Der Junge Kammerchor sorgte für Ovationen (Rhein-Neckar-Zeitung)

Neues Programm des Jungen Kammerchors Rhein-Neckar begeisterte Zuhörer in der Stiftskirche – kunstvolle Mehrchörigkeit vor vollem Haus

traumklang
Der Mut zum Ungewöhnlichen wurde belohnt: Mit stehenden Ovationen feierte das Publikum in der Mosbacher Stiftskirche die bestechende Leistung, die der Junge Kammerchor Rhein-Neckar dort präsentierte. Foto: Pia Geimer

Gute Chormusik findet in Mosbach viele interessierte Zuhörer, was die fast vollbesetzten Stuhlreihen in der Stiftskirche beim Konzert des Jungen Kammerchors Rhein-Neckar eindrucksvoll bewiesen. Die junge Formation unter der Leitung von Mathias Rickert, die sich seit ihrer Gründung 2001 zu einem der besten Laienchöre des Landes entwickelt hat, verzauberte bereits im letzten Jahr mit ihrer »Tenebrae«-Mette in der Karwoche das Publikum. Das neue Programm stellte unter dem verheißungsvollen Titel »tRaumklang« mehrchörige Musik vor, von den Wechselgesängen der mittelalterlichen Mänche über prächtige venezianische Mehrchörigkeit bis hin zu zeitgenössischen Vertonungen.

Inzwischen auf 31 Sängerinnen und Sänger erweitert, bestach der Chor bereits mit den ersten Tönen des modernen Madrigals »Ov'è, Lass’, il ben viso« von Morten Lauridsen (*1943) durch einen ungeheuer konzentrierten, kraftvollen und transparenten Ensembleklang, der so etwas wie das Markenzeichen des Jungen Kammerchores ist. Die hohe stimmliche Kultur professionell geschulter Stimmen ohne jedes Einzelkämpfertum, gepaart mit jenem geheimnisvollen, von innen kommenden musikalischen Impetus, der alle herausragenden Chöre auszeichnet - hier entstanden aufregende Klangfülle und teilweise atemberaubende räumliche Effekte. Denn die Sänger teilten sich bei den verschiedenen Stücken in bis zu fünf Einzelchöre auf und standen im ganzen Raum verteilt. Nach dem flüsternd beginnenden und sich dann zu machtvollem Jubel steigernden »Osanna« von Frederik Sixten (*1962) erklang die archaische gregorianische Antiphon »Laudate Dominum«, auf die nahezu ohne Übergang das wie von Licht durchflutete »Kyrie« aus der Messe für zwei 4-stimmige Chöre von Frank Martin (1890-1974) folgte. In Heinrich Schütz’ »An den Wassern zu Babel« aus den Psalmen Davids gelang etwas, das selten so schlüssig und stringent zu hören ist: Mathias Rickert und seine Sänger ließen sich bei ihrer Phrasierung ganz vom Text tragen, der nebenbei bemerkt auch bei allen anderen Stücken ausnehmend gut verständlich war. Wer je geglaubt haben mochte, der alte Schütz (1585-1672) wirke neben dem 100 Jahre jüngeren Bach ein wenig angestaubt, der wurde hier auf wunderschöne Weise eines Besseren belehrt.

Aus der Blütezeit der Mehrchörigkeit stammte das Magnificat für drei 4-5-stimmige Chöre des Venezianers Giovanni Gabrieli (1557-1612), durch die weit auseinander stehenden Chöre und die akustische Zeitverschiebung im Raum eines der probenintensivsten Werke im Programm. Schön für die Freunde anspruchsvoller Chormusik, dass auch zeitgenössische Komponisten inzwischen wieder wagen, tonal zu komponieren, so wie in der ätherisch beginnenden und dann zu prachtvoll satter Harmonik findenden Hoheliedmotette »Tota pulchra es« von Ola Gjeilo (*1978) und dem in geschmackvollem Melos schwelgende »Ave Maria« von Franz Xaver Biebl (1906-2001). Bei »Immortal Bach« des Norwegers Knut Nystedt (*1915) handelte es sich um eine spannende Collage, in der der Bachchoral »Komm süßer Tod« von fünf Chören in unterschiedlichen Metren parallel erklingt, was reizvolle harmonische Rückungen und Schichtungen erzeugt.

Unmöglich zu sagen, welche Epoche dem Jungen Kammerchor am besten liegt, denn auch die folgenden Gesänge von Johannes Brahms (1833-1897) und Gustav Mahler/Clytus Gottwald (*1925) waren wunderschön gestaltet, besonders das grandiose »Die zwei blauen Augen« aus den »Liedern eines fahrenden Gesellen«, nach dessen Schlussakkord gebannte Stille herrschte. Mit dem althochdeutschen Weingartener Reisesegen von Wolfram Buchenberg (*1962) beendeten Mathias Rickert und seine Sänger ihr Programm »tRaumklänge« und wurden für eine bestechende Leistung und ihren Mut zum Ungewöhnlichen mit stehenden Ovationen gefeiert. Das amerikanisches Folk-Traditional »O Shenandoah« in einer tollen Fassung als Zugabe beendete ein bemerkenswertes Konzert von aufregend hohem Niveau. Fortsetzung bitte bald!